Bi- und Pansexualität

Zwischen Unsichtbarkeit, Fehldarstellung und Akzeptanz

„Wer nicht bisexuell ist, verpasst doch das Beste“ soll die Schauspielerin Inge Meysel (†) 2001 in einem Interview mit der Illustrierten „Bunte“ gesagt haben. Meysel gehörte zu einer Gruppe weiblicher* Film-Stars, die offen zu ihrer Bisexualität stehen, und damit zu einer breiteren Sichtbarkeit der ‚Kategorie Bi‘ beitragen. In Serien und anderen Medien hat die Anzahl bisexueller Charaktere zugenommen. In Anbetracht dessen, dass Bi*sexualität innerhalb und außerhalb queerer Communities als „unsichtbar“ galt und gilt, finde ich es angebracht der erhöhten Sichtbarkeit von Bi* in Mainstream-Medien [1] besondere Beachtung zu schenken. Führt Sichtbarkeit zu einem besseren Verständnis dafür, was Bi*sexualität ist und wie diese Form des Begehrens von Menschen erlebt wird? Oder verstärken neue Repräsentationen von Bi* bestehende Stereotype? Auch Meysels positiver Zugang zur (in diesem Fall eigenen) Bisexualität klingt zwar erfreulich, verschleiert aber Probleme, mit denen viele, sich als bi- oder pansexuell identifizierende Menschen konfrontiert sind.

UNSICHTBARKEIT

Warum gilt Bi* überhaupt als „unsichtbar“? Eine Besonderheit die Bi*sexualität von Homosexualität unterscheidet, liegt darin, dass sie sich schwer offensichtlich machen lässt. Menschen werden, sofern sie in einer monogamen Paarbeziehung leben, entweder als hetero- oder homosexuell wahrgenommen und anderen Seite ihres Begehrens geraten in Vergessenheit. Dieses ‚Übersehen‘ von Bi*sexualität fusst in einem Denken von Sexualität in zwei Kategorien oder der Negation der Existenz von Bi/Pan/Omni-Sexualität. Zum einen hält sich hartnäckig die Sichtweise, dass ‚eigentlich‘ heterosexuelle Personen in verschiedenen Lebensphasen ‚experimentieren‘ und letztlich zu einem heterosexuellen Lebensplan zurückfinden. Auf der anderen Seite wird auch in schwul-lesbischen Kreisen zum Teil davon ausgegangen, dass es sich bei Bi*sexualität nicht um eine eigenständige Form der sexuellen Orientierung handelt, sondern um ein Übergangsstadium von Hetero- zu Homosexualität. Auch die Vorstellung, Bi*sexualität sei eine frei wählbare Art zu leben und nicht wie andere Sexualitäten „angeboren“, hält sich (noch).

Bi - eine Begriffsfrage

Es gibt keinen „richtigen“ Begriff, um Menschen deren Begehren sich auf zwei oder mehrere Geschlechter richtet, zu bennenen. „Bisexualität“ ist wahrscheinlich die im deutschsprachigen Raum geläufigste Bezeichnung für diese Begehrensform. Eine mögliche Definition von Bi*(Bi = zwei, beides) lautet: Begehren des eigenen UND anderer Geschlechter. Ein anderer Erklärungsansatz sieht die Gleichzeitigkeit von Homo- und Heterosexualität.

So verstanden ist der Begriff spannend: Er reproduziert einerseits die Annahme einer Binarität von sexuellem Begehren (homo oder hetero) und löst sie gleichzeitg auf indem er eine weitere Art des Begehrens hinzufügt. Das Bi von Bisexualität bezieht sich nicht auf Zweigeschlechtlichkeit, trotzdem wird pansexuell (vom griechischen pan = alle) gegenwärtig oft als ein umfassenderer Begriff verstanden, welcher expliziter auch gender-queere Geschlechtsidentitäten und Trans*-Personen inkludiert.

Befürworter_innen des Bi-Begriffs entgegnen jedoch, dass Pan eine sinnlose begriffliche Ergänzung sei. Außerdem würde „Bi“ an die Geschichte eines Kampfes um Anerkennung von bisexuellen Menschen als sexuelle Minderheit und Teil der LGB (später: -TIQA_) Community erinnern. Viele Menschen lehnen somit die als identitär interpretierten Kategorie Bi/Pan oder kurzum jegliches Label ab und umschreiben ihre sexuelle Orientierung mit queer und ‚Ich liebe Menschen und nicht Geschlechter‘; oder ähnlichen Aussagen. Es lässt sich darüber streiten, welche Haltung zielführender ist, wenn es um die Sichtbarkeit von nicht heteronormen Lebensweisen geht.

Im Folgenden verwende ich die Abkürzung Bi*, weil mir ‚Bi‘ als häufigste Selbstbezeichnung untergekommen ist, das * steht stellvertretend für die anderen beschriebenen Bezeichnungen.

STEREOTYPEN UND AUSSCHLÜSSE

Der Identifikation mit einer bestimmten Begehrensform geht für viele Menschen eine teilweise schmerzhafte Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Sexualität voraus. Wird diese nicht anerkannt oder falsch gelesen, kann dass verletzten und Selbstzweifel auslösen.

In solchen Momenten wäre die Unterstützung aus LGBTIQA_Kreisen wichtig, aber leider wird bi*sexuellen Menschen auch und gerade innerhalb ‚queerer‘ Communities mit Vorurteilen begegnet. Dazu gehört unter anderem die Wahrnehmung von bi*/pan als ‚angenehmste Form‘ von Nicht-Heterosexualität. Viele Menschen glauben, dass Bi*sexuelle (theoretisch) die Möglichkeit hätten, die Privilegien eines heteronormativ angepassten Lebens zu genießen. Dabei wird oft übersehen, dass sich beispielsweise auch gender-queer identifizierende Menschen als bi* bezeichnen. Außerdem ändert sich die Sexualität einer Person nicht, mit welchem Menschen eine_r gerade in einer romantischen Beziehung lebt. Gerade wenn eine Beziehung nach außen hin als heterosexuell wahrgenommen wird, ist es für viele Bi*-Personen schwierig und gleichzeitig wichtig, ihrer/m Partner_in, oder ihren Partner_innen, Freunde_innen und der Familie gegenüber klar zu machen, dass die Bezeichnung ‚heterosexuell‘ auf sie nicht zutrifft und sie in ihrer eigenen Identität akzeptiert werden wollen. Sie treffen meist auf Unverständnis und Ausschlüsse von verschiedenen Seiten:
Queere Räume verschließen sich, weil Partner_innen nicht eingebunden werden können und es unmöglich wird, aus einer ‚gleichermaßen beteiligten‘ Perspektive zu sprechen. Hetererosexuelle Räume bleiben verschlossen, da auch Bi*sexualität in der breiten Mehrheitsgesellschaft nicht allgemein akzeptiert ist und ihr mit Ausgrenzung und Ablehung begegnet wird.

SICHTBARKEIT IN MEDIEN

Sichtbarkeit dessen, was Bi*sexualität ist, sollte idealerweise zu einem besseren Verständnis der Probleme von bi*sexuellen Menschen führen, und ermöglichen, den beschriebenen Ausgrenzungen entgegen zu wirken. Betrachtet eine_r allerdings gängige Repräsentationen von Bi* in Medien, so wird in diesen selten bis nie auf die Probleme von Bi* identifizierenden Personen innerhalb von Beziehungen, Communities oder mit Diskriminierungen eingegangen. Auch entspricht die Zunahme eines bestimmten Typus von Bi*-Charakteren nicht der Verschiedenartigkeit von Lebensrealitäten von bi*sexuellen Menschen.

Werden in populären Medien wie Fernsehserien Menschen gezeigt, die sich von mehr als einem Geschlecht angezogen fühlen, sind es in vielen Fällen junge, normativ attraktive Cis-Frauen. Der Rückgriff auf weibliche bisexuelle Charaktere ist kein Zufall. Ihm liegt die Annahme zu Grunde, Repräsentationen von weiblicher gleichgeschlechtlicher Sexualität würden von heterosexuellen Männern nicht als bedrohlich wahrgenommen werden, da sie deren eigene Sexualität nicht in Frage stellen. Solche Annahmen können die männliche Heterosexualität sogar noch ‚bestärken‘, wenn betreffende Frauen sich zu einem späteren Zeitpunkt „doch wieder“ für einen Mann entscheiden.

Malinda Lo, Autorin queerer Jugendromane, beschreibt wie Bisexualität als eine „watered-down version of gay“ behandelt wird, und dieser Zugang zu einer Überrepräsentation stereotyper Darstellungen von weiblicher Bi*sexualität führt: „This perception enables mainstream cultural creators to think: Oh, I should have some LGBT representation, let’s stick in a bisexual girl (...). Then that bisexual female character can have a fling with another girl to attract attention/check the “diversity” box, but meanwhile she can mostly be involved in a relationship with a man, so she largely appears straight.“ [2]
Derartige Darstellungen führen, laut Lo, zur Auslöschung der Vorstellung von Bi*sexualität. Im deutschssprachigen Fernsehen, wo besonders viele ‚lesbische Pärchen‘ als Kombination eines lesbischen und eines bi/pansexuellen Charakters dargestellt werden, dient die Charakterauswahl zusätzlich dazu, weibliche Homosexualität zu relativieren: Mindestens ein Charakter ist dann ‚nur‘ bi. [3]

Im Gegensatz dazu werden Darstellungen männlicher Bi*sexualität oft gänzlich vermieden. Sie stellen Heteronomativität anders in Frage als zum Beispiel männliche Homosexualität, denn sie zeigen, wie Sexualität fluide sein kann. Sogar die TV-Serie ‚Queer as Folk‘, die das Leben von mehrheitlich schwulen Freunden beschreibt, kommt ohne einen einzigen männlichen bi- oder pansexuellen Charakter aus.

Darstellungen von Bi*sexualität kommen oft ohne eine Benennung derselbigen aus. In „How to get away with murder“ schreibt ein Mann, der sich seiner derzeitigen Freundin gegenüber für eine frühere Beziehung mit einem Mann verteidigt, diese als „hormonelle Verwirrung“ ab und die Mögliche einer (Selbst-)Definition als bi* wird vermieden. Auch Serien, die für ihre LGBTI_ Charaktere bekannt sind bilden hier keine Ausnahme. In ‚Orange is the New Black‘ beispielsweise wird eine der Hauptfiguren in Beziehungen mit jeweils einem Mann und einer Frau gezeigt, und als ‚exlesbisch‘ oder ‚wieder‘ lesbisch bezeichnet. Erst in der zweiten Staffel wird die Frage aufgeworfen, ob sie eventuell ‚bi‘ sein könnte; die Frage bleibt unbeantwortet. In ‚The L-Word‘ hat ein Trans*mann zunächst mehrere Beziehungen mit Frauen und später mit einem Mann. Sein Begehren wird als Wandel von lesbisch (der Charakter outet sich im Laufe der Serie als Trans*) zu heterosexuell, zu schwul, beschrieben. Um es zusammenzufassen: Die Zunahme der Darstellungen von Bisexualität führt nicht im eigentlichen Sinne zu einer besseren Sichtbarkeit von Bisexualität. Weder wird mit den Stereotypen von Bi* als einer vorübergehenden Phase im Leben eines Menschen aufgeräumt, noch werden die Charaktere und ihre Beziehungen realistisch gezeichnet. Zudem herrscht eine starke Diskrepanz in der Repräsentation unterschiedlicher Geschlechtsidentitäten.

SELBST SICHTBAR MACHEN

Es braucht also neue und andere Bilder, Worte und Geschichten, um die Lebensrealitäten von bi*sexuellen Personen zu beschreiben und ihnen in der Auseinandersezung mit ihrer Sexualität zu helfen. Geschichten über Bisexualität sollten vorallem von denjenigen Menschen erzählt werden, die mit dieser Begehrensform verbundene Probleme, aber auch die schönen Seiten des Erlebens von Bi*sexualität aus eigener Erfahrung kennen. Der Kampf um Sichtbarkeit ist weder in der ‚Gesamtgesellschaft‘ noch in queeren Communities abgeschlossen.

Jasmin

Fußnoten:

1: Ich beziehe mich im folgenden hauptsächlich auf TV Serien aus dem deutschsprachigen Raum oder den U.S.A.
2: http://diversityinya.tumblr.com/post/48782460776/beyond-diversity-101-on-bisexual-characters-and
3: http://www.coffee2watch.at/homosexualitat-fernsehen-vs-realitat

Weitere Quellen:

  • http://www.uic.edu/depts/quic/bisandallies/myths.html
  • http://www.theatlantic.com/entertainment/archive/2013/10/bisexuality-on-tv-its-getting-better/280850/
  • http://www.huffingtonpost.com/emily-dievendorf/bisexual-invisibility-has_b_1370079.html
  • Gender and Sexual Identity Transcending Feminist and Queer Theory (2014) Julie L. Nagoshi · Craig T. Nagoshi Stephan/ie Brzuzy (Hg)
  • Bisexual Invisibilty: http://sf-hrc.org/sites/sf-hrc.org/files/migrated/FileCenter/Documents/HRC_Publications/Articles/Bisexual_Invisiblity_Impacts_and_Recommendations_March_2011.pdf