Körper, Macht und Normativität der Uni

Transsexualität an der Hochschule

Zum Schwerpunkt „Körper, Macht und Sex“ im Zusammenhang mit der Universität kamen mir sofort die Machtstrukturen in den Sinn, denen Menschen in einem durchrationalisierten Universitätsalltag unterworfen sind. Angelehnt an meine eigenen Erfahrungen als weiße Trans*-Person[1] , die seit einigen Jahren an Hochschulen studiert, versuche ich über diskriminierende Strukturen zu schreiben, die Trans*-Personen betreffen können und werde konkrete Handlungs- und Verbesserungsvorschläge aufzeigen.

Zwar schreibe ich aus Trans*-Perspektive, da wir jedoch viele und divers sind, kann es sein, dass ich nicht alle Bedürfnisse von Trans*-Menschen auf dem Schirm habe, oder auch gegenläufige Anliegen vertrete als andere Trans*-Personen. Das versuche ich in meinen Überlegungen zu berücksichtigen, da meine Intention nicht ist, Bedürfnisse gegeneinander auszuspielen, sondern zusammen mit Verbündeten Anliegen zu formulieren und durchzusetzen um einen trans*freundlicheren Universitäts-Alltag erreichen zu können. Auf die Belange von Inter*-Personen möchte ich auf Grund der Länge des Artikels und meiner persönlichen Position als nicht-inter* nicht eingehen. Diese sollten jedoch beachtet werden, da sie nochmal unterschiedlich von denen von Trans*-Personen sein können und insbesondere durch die historische und gewaltvolle Komponente der „geschlechtszuweisenden Maßnahmen“ von Inter*-Personen an Universitätskliniken, mit besonderem Augenmerk behandelt werden sollten.

Meine eigenen Erfahrungen an der Hochschule sind geprägt von anfänglicher starker Angst in Zusammenhang mit Trans*. Der öffentliche Raum des Studiums hatte für mich das problematische Moment inne, dass ich mit Menschen, die mir nicht nahe stehen, in irgendeiner Form über persönliche Themen kommunizieren musste, um zu erreichen, dass mein neuer Name und meine geschlechtliche Anrede respektiert wurden. Die Angst vor Zurückweisung und Unverständnis hatte zur Folge, dass ich mich mehrere Semester von der Universität entfernte um mich als Vermeidungsstrategie Queer[2]-Politik für andere, nicht für mich, zu widmen. Das Kümmern um die Belange von anderen Queers, verschaffte mir das Selbstbewusstsein, das ich brauchte um Ängste abzulegen und wieder an die Universität zurückzukehren.

Viele Erfahrungen, die sich um Trans* drehen, haben mit der äußerlichen Erscheinung zu tun, wenn ich auf Grund Uneindeutigkeit hämisch gefragt werde, ob ich ein „Mann“ oder eine „Frau“ sei, oder mir spontan die Lust auf Seminarbeteiligung flöten geht, wenn ich merke, dass Dozent_innen Seminarteilnehmer_innen nach äußerlicher Fremdzuschreibung gendern.

DIE TOILETTENFRAGE

Am mitunter beeindruckendsten, was die Einschränkung des Studienalltags betraf, stellte sich für mich die Nutzung der richtigeren Toiletten heraus. Mit „richtigerer“ Toilette meine ich, dass Toiletten eben nur zweigegendert sind. In einem System, welches vor allem die zwei Geschlechter „Frauen“ und „Männer“ respektiert, und bestimmte Faktoren, wie Stimme, Bartwuchs, Haltung, etc. stark geschlechtlich interpretiert werden, werden geschlechtliche Grenzüberschreitungen und weitere Geschlechtsformen oder nicht-Geschlechtsformen, wie Agender, als Obskuritäten und Anomalien abgetan.

Dies findet ebenso in allen Fachbereichen des Universitätsalltags statt, ob in den Bereichen Biologie, Sportwissenschaften, Psychologie, kann mitunter aber auch in den Gender Studies zu finden sein. Dort etwa, wenn Trans*-Personen in manchen Seminaren und Vorlesungen als Objekt betrachtet werden, es jedoch nicht in Erwägung gezogen wird, dass diese auch anwesend sein könnten. Das hat zur Folge, dass Sichtbarkeit und/oder Awareness von Semester zu Semester aufs Neue erkämpft werden müssen. Dies kostet Ressourcen, welche durch Verbündete, wie Kommiliton_innen auch übernommen werden können, wenn diese auch wenn es sie nicht betrifft ­ auf die (cis-)Normativität von Lehrinhalten hinweisen können.

TASTENDE FORTSCHRITTE

An der Schweizer Universität Luzern gab es 2013 einen Fortschritt: Das Präsidium gab eine Richtlinie[3] heraus, welche es Personen ermöglichte ihren Namen und Geschlecht formal zu wechseln, auch wenn sie keine rechtskräftige Namens- und Personenstandsänderung vorgenommen hatten. Grundlage dessen war auch, dass Name und Personenstand eben keine ausreichende Identifikationsgrundlage bieten, sondern eine Identifikation z.B. durch Matrikelnummer, oder bei Universitäts-Angestellten durch die Sozialversicherungsnummer erreicht werden kann.

Sprich: Es ist rechtlich nicht erhebbar mit welchem Namen und Geschlecht Personen auftreten, da sie auf anderem Wege identifiziert werden können. Abstrakt befürchteter Betrug durch Namensänderung kann also ausgeschlossen werden. Nachteil der Richtlinie in Luzern ist, dass Personen nur innerhalb des zweigeschlechtlichen Systems von Frau -> Mann und von Mann -> Frau ihren Geschlechtseintrag ändern können. Trans*-Personen, die sich also nicht dauerhaft oder eindeutig als Mann oder Frau definieren, sind erneut durch diese - für manche Trans*-Personen entlastende - Richtlinie diskriminiert und erneut unsichtbar gemacht.

Die Annahme eines zweigeschlechtlichen Systems zeigt sich nicht nur an der Luzerner Universität, sondern zieht sich durch verschiedene Bereiche des Uni-Alltags: neben räumlichen Aufteilungen, wie Toiletten und Umkleiden im Hochschulsport, kennen auch Formulare und Förderprogramme nur zwei Optionen. Des Weiteren gibt es spezielle Förderprogramme im Bezug auf Geschlecht meist nur für Frauen, nicht etwa für Trans*-Personen. Auch eine Quotierung und politische Teilhabe von Trans*-Personen findet nicht statt, da vermutlich einfach keine Sensibilisierung vorhanden ist .

Großflächig fehlt es an Informationsmaterialien zum Thema Trans* und Universität, welche sich an alle Universitäts-Angehörigen richten. Auch Ansprechpersonen und Stellen, die sich um die Anliegen von Trans*-Personen kümmern, sind rar. So könnten Diversitäts-Beauftragte diese Aufgabe theoretisch übernehmen, sehen sie sich doch trotzdem meist eher als Frauenbeauftragte mit neuem Namen, welche die gleichen Fähigkeiten wie vorher mit sich bringen und oft keine Erfahrung in der Beratung und Interessenvertretung von Trans*-Personen stellen.

WAS BLEIBT ZU TUN?

Generell fehlt an der Hochschule, wie in vielen anderen Teilen der Gesellschaft, eine Sensibilisierung für Lebensweisen außerhalb einer heteronormativen Lebensrealität. Das heißt konkret, dass ein Verständnis dafür fehlt, dass geschlechtliche Anreden nicht zwangsläufig mit einem bestimmten Namen zu tun haben, Pronomenswünsche unabhängig von der äußerlichen Erscheinung einer Person existieren können und Toiletten für viele Trans*-Personen ein nicht immer spaßig-abenteuerliches Dungeon darstellen, durch das diese sich kämpfen müssen. Beim Neubau von Toiletten könnte daher z.B. darauf geachtet werden mehr Einzeltoiletten zu errichten, die eben keine geschlechtliche Etikettierung erfordern, da kein geteilter Vorraum von Nöten ist. Die Toilette als Rückzugsraum wäre für Cis*frauen ebenso wie für Trans*-Menschen gegeben. Weiterhin könnten diese meist barrierefrei konzipiert werden und so dazu dienen Personen mit Gehbehinderungen oder rollstuhlfahrenden Menschen die Nutzung einer regulären Toilette zu ermöglichen.

Weiterhin fehlen transparente und gut kommunizierte Richtlinien und Formulare, um Namen und Geschlechtseinträge ändern zu können. Denn ohne bürokratische Formalia wissen viele Universitäts-Angestellte nicht, wie sie mit den Anliegen von Trans*-Personen umgehen sollen. Bei der Ausbildung von Universitätspersonal (also nicht nur Lehrpersonal), sollte auf die Sensibilisierung für unterschiedliche Lebensrealitäten geachtet werden.

Da alle Universitäten und (Bundes-)Länder Statistiken erheben, wäre auch zu hinterfragen, ob das Geschlecht der Universitätsangehörigen in der jetzigen Form erhoben werden muss, und ob es nicht einfach erweitert werden kann um andere Kategorien, die mehr Freiheiten außerhalb einer binären Norm lassen. Der Programmieraufwand für weitere Kategorien in den Statistik- und Datenverarbeitungsprogrammen wäre marginal. Statistiken für Frauenförderungen könnten erhalten bleiben, jedoch z.B. auch Förderprogramme für Trans*-Personen oder z.B. auch für Personen, welche sich nicht oder nur teilweise einem der beiden etablierten Geschlechter zugehörig fühlen, installiert und mit Statistiken überblickt werden.

Meiner Meinung nach fehlt es auch an Rollenbildern, welche der Emanzipation einiger Trans*-Personen helfen würden. Selbstverständlich muss darauf geachtet werden, dass der Wunsch vieler Trans*-Personen existiert, nicht öffentlich als Trans*-Person sichtbar sein zu wollen. Dies kann jedoch nicht damit einhergehen, dass die Bedürfnisse und Belange von Trans*-Personen ebenso unsichtbar sind.

WELCHE HANDLUNGSRÄUME GIBT ES?

Ebenso komplex und unübersichtlich wie Hochschule sein kann, so viele Handlungsspielräume besitzt du. Bedenke, dass du nicht alleine agieren musst, sondern auch in Gruppen vorgehen kannst. Dozierende können z.B. auf cis-normative Lehrinhalte hingewiesen werden, Universitätsleitungen und Senate können angeschrieben werden, in wie weit diese die Bedürfnisse von Trans*-Personen im Bewusstsein haben. Inhalte können sich dabei z.B. von simpel umsetzbaren Anliegen, wie trans*freundlicheren Toilettenräumen (z.B. die Etablierung von Mülleimern auf „Herrentoiletten“ oder die Umetikettierung ebensolcher Räume durch trans*-inkludierende Beschilderung) bis zu Förderprogrammen für Trans*-Personen drehen. 

Ähnliches funktioniert auch in Studierendengremien, in denen auch Initiativen wie die Gründung von Trans*-Hochschul-Referaten gestartet werden können, um eine etablierte Interessenvertretung zu schaffen. Weiterhin könnten Dozent_innen angesprochen werden, wenn der Wunsch nach Pronomensrunden in Seminaren aufkommt. Gerade auf Grund der Möglichkeit, dass dies von anwesenden Trans*-Menschen nicht erwünscht sein kann, ist der vertrauliche Austausch untereinander wichtig, um eine positive Absicht nicht dazu führen zu lassen, dass sich diese negativ auswirkt.

Auch jenseits vom Lokalen gibt es Möglichkeiten sich zu betätigen: So hat sich 2014 die AG „Trans*emanzipatorische Hochschulpolitik“ gegründet, eine Initiative aus Trans*-Leuten, die an Hochschulen studieren und arbeiten und die Studien- und Arbeitsbedingungen von Trans*-Menschen an den jeweiligen Hochschulen verbessern wollen. Dazu zählen das Schaffen von Sichtbarkeit, Sensibilisierung und Awareness für Trans*-Themen und eine Vernetzung im deutschsprachigen Raum. Die ersten Treffen fanden in Deutschland, mit österreichischer Beteiligung, statt. Kontakt zur Arbeitsgruppe könnt ihr aufnehmen unter ag_transemanzipatorische_hopo@lists.riseup.net.

DANN MAL LOS!

Um gegen trans*-diskriminierende Strukturen vorzugehen gibt es nicht die eine Strategie oder den einen Lösungsweg. Ausdifferenzierte Bedürfnisse benötigen unterschiedliche Lösungswege. Ihr müsst nicht alles wissen, um Diskriminierungen anzugehen, könnt euch also auch Inspiration aus anderen Städten, anderen Hochschulen oder durch Vernetzungsarbeit holen. Macht- und Diskriminierungsstrukturen existieren, aber das heißt nicht, dass ihr sie hinnehmen müsst - also freudig ran die Arbeit!

Mara Otterbein

1: Trans*: Trans* bezieht sich auf Konzepte wie Transgender, Transidentität, Transsexualität. Gemeint ist, dass sich Trans*-Personen nicht, teilweise oder wechselhaft mit dem bei ihrer Geburt zugewiesenen Geschlecht definieren. Als Pendant dazu wird „Cis“ benutzt: Cis-Personen sind Menschen, die sich mit dem bei ihrer Geburt zugewiesenen Geschlecht (weitestgehend unhinterfragt) definieren.

2: Queer: Queer ist ein Sammelbegriff, der unterschiedliche Geschlechts- und Begehrensformen beschreibt, welche sich selbst als nicht-heteronormativ begreifen.

3: https://www.unilu.ch/fileadmin/universitaet/unileitung/dokumente/reglemente_studium/richtlinien-transmenschen.pdf